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SportLaktatWissenschaft

Dmax vs LT1 vs LT2: welcher Schwellenwert wirklich stimmt

21. April 2026 · 8 Min. Lesezeit

Dmax, LT1 und LT2 sind unterschiedliche mathematische Verfahren zur Bestimmung der Laktatschwelle aus einem Stufentest. Während LT1 die erste aerobe Schwelle markiert und LT2 als maximales Laktat-Steady-State die anaerobe Schwelle beschreibt, ist Dmax ein geometrisches Konstrukt aus der angepassten Laktatkurve. Je nach Methode kann derselbe Athlet Schwellenleistungen mit einer Streuung von 15–30 Watt erhalten.

Kurze Geschichte der Schwellenkonzepte

Der Streit um „die richtige" Laktatschwelle ist so alt wie die Laktatdiagnostik selbst. Wasserman beschrieb bereits Anfang der 1960er-Jahre einen nicht-linearen Laktatanstieg bei zunehmender Belastung. Kindermann, Simon und Keul prägten 1979 den Begriff der „aeroben/anaeroben Schwelle" mit festen Werten (2 mmol/l aerob, 4 mmol/l anaerob). Mader publizierte 1976 die „OBLA"-Definition (Onset of Blood Lactate Accumulation) bei 4 mmol/l. Stegmann entwickelte 1981 die individuelle anaerobe Schwelle (IAT) aus dem Nachbelastungsverhalten. Cheng schlug 1992 die Dmax-Methode als rein mathematische Alternative vor.

Das Kern-Problem: Jede dieser Methoden misst etwas leicht anderes und beantwortet eine andere Frage. Wer sie durcheinander wirft, produziert falsche Trainingsbereiche.

LT1 — die aerobe Schwelle

LT1 bezeichnet den ersten signifikanten Laktat-Anstieg über den Ruhe- bzw. Basalwert. Physiologisch markiert sie den Punkt, an dem die reine Fettoxidation nicht mehr ausreicht und die Glykolyse messbar zur Energiebereitstellung beiträgt. Typische Werte liegen bei 1,5–2,0 mmol/l Blutlaktat bei Ausdauerathleten, teils auch etwas höher bei Sprint-geprägten Profilen.

Berechnungsvarianten:

  • Baseline + 0,5 mmol/l — konservative Variante
  • Baseline + 1,0 mmol/l (Kindermann) — breitet akzeptierter Richtwert
  • Log-Log-Breakpoint — Regression in log-transformierten Koordinaten; der Knickpunkt wird als LT1 angenommen

Trainingspraktisch ist LT1 der Grundlagenbereich: Alles darunter ist GA1 und kann über Stunden gefahren werden.

LT2 — die anaerobe Schwelle

LT2 beschreibt den Übergang zur nicht-kompensierten metabolischen Azidose: Die Laktatbildung übersteigt den Abbau dauerhaft, das Blutlaktat steigt progressiv, die Belastung ist nicht mehr lange tolerabel. Der physiologische Goldstandard heißt „maximales Laktat-Steady-State" (MLSS): die höchste Dauerleistung, bei der das Blutlaktat über 30 Minuten nicht mehr als 1 mmol/l ansteigt. MLSS-Tests sind aufwendig (mehrere Tage, je eine 30-Min-Konstantbelastung), deshalb werden Näherungsverfahren aus dem Stufentest benutzt.

OBLA 4 mmol/l (Mader)

Die einfachste Variante: Die Leistung bei genau 4 mmol/l Blutlaktat wird als LT2 definiert. Stärke: kein Rechenaufwand, gut reproduzierbar. Schwäche: Der tatsächliche MLSS liegt bei vielen Athleten zwischen 3,0 und 5,5 mmol/l, nicht exakt bei 4. Sehr gut Trainierte erreichen ihr MLSS oft schon bei 2,5–3 mmol/l — OBLA überschätzt ihre Schwelle systematisch.

IAT (individuelle anaerobe Schwelle, Stegmann)

Die IAT bezieht das Nachbelastungs-Laktatverhalten ein. Man legt eine Tangente vom Punkt des Nachbelastungs-Laktats an die Laktatkurve — der Berührpunkt ist die IAT. Aufwendig, aber methodisch eine der plausibelsten Schätzungen des MLSS.

Dmax (Cheng)

Die Dmax-Methode berechnet den maximalen senkrechten Abstand zwischen der angepassten Laktatkurve (meist Polynom 3. Ordnung) und der geraden Verbindungslinie zwischen Anfangs- und Endpunkt der Kurve. Der Punkt mit dem größten Abstand ist Dmax. Mathematisch elegant, aber sensitiv für die Kurvenform — verändert sich das Protokoll (z. B. früherer Abbruch), verschiebt sich Dmax.

Modified Dmax

Die modifizierte Dmax-Methode (Bishop, Jenkins, Mackinnon) zieht die Verbindungsgerade nicht vom ersten Kurvenpunkt, sondern ab dem ersten signifikanten Laktat-Anstieg (oft LT1 oder +1 mmol/l über Baseline). Dadurch wird der flache Grundlagenbereich nicht mehr mit hineingerechnet. Bei vielen Athleten liefert modified Dmax Werte näher am MLSS als klassisches Dmax.

Log-Log-Methode

Die Laktatwerte werden gegen die Belastung in doppelt-logarithmischen Koordinaten aufgetragen. Die Kurve wird stückweise linear approximiert, der Knickpunkt ist der Schwellenwert. Gut für LT1, weniger für LT2.

Vergleichstabelle: Methode, Zielgruppe, Stärken und Schwächen

MethodeGeeignet fürStärkenSchwächen
OBLA 4 mmol/lScreening, Hobbysporteinfach, reproduzierbarsystematischer Bias bei Extremen
Kindermann 2 / 4Schulsport, SportmedizinGegen LT1 und LT2 in einemrein heuristisch
IAT (Stegmann)LeistungssportMLSS-nah, individuellNachbelastungs-Messung nötig
DmaxSoftware-Auswertungmathematisch objektivprotokoll-sensitiv
Modified DmaxAusdauerathletenMLSS-nah, robustbenötigt LT1 als Startpunkt
Log-LogLT1-Bestimmunglinearer Knickpunktwenig etabliert im DACH-Raum

Warum liefern Methoden so unterschiedliche Werte?

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Triathlet mit einer aeroben Schwelle bei 230 Watt (1,8 mmol/l) erhält je nach Methode folgende LT2-Werte aus demselben Stufentest:

  • OBLA 4 mmol/l: 295 Watt
  • Kindermann 4 mmol/l: 295 Watt
  • Dmax: 278 Watt
  • Modified Dmax: 285 Watt
  • IAT (Stegmann): 282 Watt

Die Streuung beträgt 17 Watt — für eine 40-km-Zeitfahrt ein Unterschied von etwa 3–4 Minuten. Wer Trainingsbereiche ableitet, muss wissen, welche Methode zugrunde liegt.

Praxis: welche Methode wann

Leistungssport / Triathlon-Mitteldistanz und länger

Modified Dmax oder IAT nutzen. Beide kommen dem tatsächlichen MLSS am nächsten und berücksichtigen die individuelle Kurvenform. Wichtig: Das gleiche Protokoll und dieselbe Methode bei jedem Retest verwenden, sonst wird Fortschritt unsauber.

Radsport-Kriterium / Straßenrennen

Hier ist die Schwelle weniger entscheidend als VLamax und Intervall-Leistung. LT1 zur Regenerations-Steuerung und modified Dmax als Schwellen-Richtwert sind ausreichend. Mehr zum Kontext im Artikel VLamax einfach erklärt.

Hobby / Einsteiger

OBLA bei 3,0 oder 3,5 mmol/l (nicht 4,0) plus LT1 nach Kindermann als Grundlagengrenze. Einfach, robust, reicht für 80 % aller Trainingsentscheidungen im Breitensport.

Protokoll-Einfluss: warum sich Ergebnisse verschieben

Die Schwelle ist keine feststehende Größe, sondern hängt vom Testprotokoll ab. Kürzere Stufen (z. B. 2 Minuten statt 4) verschieben alle Schwellen-Werte systematisch nach oben, weil das Laktat keinen quasi-stationären Zustand erreicht. Größere Stufensprünge (50 W statt 30 W) glätten die Kurve und reduzieren die Sensitivität für den LT1. Selbst die Umgebungstemperatur im Labor hat einen messbaren Einfluss: Bei Raumtemperatur über 25 °C liegen die Laktatwerte tendenziell höher als bei 18 °C, weil die Thermoregulation Glykogen kostet.

Für Vergleichbarkeit gilt deshalb: Dasselbe Testprotokoll bei jedem Retest, dieselbe Stufendauer, dieselbe Stufenbreite, vergleichbare Tageszeit, vergleichbare Ernährung am Vortag. Wer das nicht standardisiert, misst bei jedem Test ein leicht anderes Konstrukt und kann keinen Trainingsfortschritt sauber zuordnen.

Methodenwahl nach Sportart

Die physiologisch sinnvollste Methode hängt auch von der Zieldisziplin ab. Für Sportarten mit dauerhafter, submaximaler Belastung über eine Stunde — Marathon, Langdistanz-Triathlon, Radsport-Grundlagenrennen — ist modified Dmax oder IAT sinnvoll, weil beide das MLSS gut annähern. Für Sportarten mit intermittierenden hohen Intensitäten — Fußball, Hockey, Squash — ist die Bestimmung von LT1 wichtiger als LT2, weil das aerobe Basisniveau zwischen den hohen Phasen die Regenerations-Geschwindigkeit bestimmt. Für Kraftausdauer-Disziplinen wie Ruder-Mitteldistanz (2000 m, etwa 6 Minuten) liefern weder Dmax noch OBLA stabile Werte — hier sind kritische Geschwindigkeit und VO2max-Tests physiologisch relevanter.

Eine praktische Faustregel: Je länger die Zieldisziplin, desto wichtiger ist eine MLSS-nahe Schwellen-Methode (modified Dmax, IAT). Je kürzer und intervall-lastiger, desto stärker verschiebt sich der Fokus weg von der Laktatschwelle hin zu anderen Parametern wie VLamax oder der Laktat-Akkumulation unter wiederholter Belastung.

Zonenmodelle und Schwellen

Unabhängig von der Schwellen-Methode werden aus LT1 und LT2 Trainingszonen abgeleitet. Das klassische deutsche 5-Zonen-Modell (Regeneration, GA1, GA2, EB, SB) orientiert sich an beiden Schwellen: GA1 unterhalb LT1, GA2 zwischen LT1 und LT2, Entwicklungsbereich an LT2. Das englische 7-Zonen-Modell nach Coggan verwendet primär einen Einzelwert (FTP), was die Einfachheit erhöht, aber den aeroben Bereich gröber auflöst.

Eine häufig übersehene Konsequenz: Wer nur LT2 bestimmt und seinen GA1-Bereich als „unter 70 % FTP" definiert, kann bei hoher VLamax systematisch zu intensiv Grundlagentraining machen. Die saubere LT1-Bestimmung per Baseline + 1 mmol/l oder Log-Log-Methode ist deshalb nicht optional.

Fazit

Es gibt nicht die eine richtige Laktatschwelle. Jede Methode modelliert einen leicht anderen Aspekt des Stoffwechsel-Übergangs. Entscheidend ist, konsequent eine Methode zu verwenden, das Testprotokoll zu standardisieren und zu wissen, welche physiologische Frage die gewählte Methode beantwortet. Web-Tools wie LactateThreshold rechnen mehrere Verfahren parallel aus demselben Datensatz — so sieht man auf einen Blick, wo die Methoden konvergieren und wo sie divergieren. Wer tiefer einsteigen möchte, findet die physiologische Einordnung der zweiten Kurven-Dimension im Artikel VLamax einfach erklärt und die Schritt-für-Schritt-Rechenanleitung unter Laktat-Stufentest selbst auswerten.